Leseprobe

Das Buch Jaschar entdecken

Leseprobe: die vollständige Einleitung und das erste Kapitel.

Über diese Leseprobe

Diese Leseprobe enthält die vollständige Einleitung und das erste Kapitel aus Das Buch Jaschar entdecken. Das Buch ist keine Übersetzung des verlorenen biblischen Buches Jaschar. Es stellt das später überlieferte Sefer ha-Jaschar verständlich vor, vergleicht seine Erzählungen mit der Bibel und ordnet sie historisch ein.

Die folgenden Buchtexte stammen unverändert aus der aktuellen geprüften Arbeitsfassung.

Einleitung

Warum das Buch Jaschar?

Seit Jahrtausenden faszinieren alte Schriften die Menschen. Manche gelten als heilig, andere wurden vergessen, wieder andere geben bis heute Rätsel auf. Zu diesen geheimnisvollen Werken gehört auch das Buch Jaschar. Viele Menschen begegnen diesem Namen zum ersten Mal, wenn sie entdecken, dass in der Bibel gleich zweimal auf ein Werk mit diesem Namen verwiesen wird. Fast automatisch entstehen Fragen.

Was war dieses Buch?

Ist es verloren gegangen?

Gibt es heute noch eine Fassung davon?

Und wenn ja – wie zuverlässig ist sie?

Je tiefer man sich mit diesen Fragen beschäftigt, umso deutlicher wird: Einfache Antworten gibt es nicht. Manche sehen im Buch Jaschar ein verschollenes Werk aus biblischer Zeit. Andere betrachten das heute bekannte Sefer ha-Jaschar – hebräisch für „Buch des Aufrechten“ oder „Buch des Redlichen“ – als eine spätere jüdische Nacherzählung der biblischen Geschichte. Wieder andere haben von diesem Buch noch nie gehört.

Dieses Buch möchte keine endgültigen Antworten geben. Es möchte auch niemanden von einer bestimmten Sichtweise überzeugen. Sein Ziel ist ein anderes: Es möchte verständlich machen.

Gemeinsam gehen wir Kapitel für Kapitel durch das heute überlieferte Buch Jaschar. Wir erzählen die Geschichten in einer modernen und leicht verständlichen Sprache nach, vergleichen sie mit der Bibel und ergänzen dort, wo es hilfreich ist, historische Hintergründe sowie Hinweise aus anderen alten Überlieferungen.

Dabei unterscheiden wir bewusst zwischen dem, was das Buch Jaschar selbst berichtet, dem, was andere antike Quellen erzählen, und dem, was Historiker und Bibelwissenschaftler heute dazu sagen. Nicht jede Frage lässt sich eindeutig beantworten. Nicht jede Überlieferung lässt sich historisch überprüfen. Doch gerade darin liegt der Reiz dieser alten Texte. Sie laden dazu ein, aufmerksam zu lesen, verschiedene Quellen miteinander zu vergleichen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Vielleicht wirst du beim Lesen neue Zusammenhänge entdecken.

Vielleicht wirst du bekannte Geschichten aus einer anderen Perspektive sehen.

Vielleicht entstehen auch Fragen, die du dir bisher nie gestellt hast.

Wenn dieses Buch dazu beiträgt, dann hat es seinen Zweck erfüllt. Denn wir müssen nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben. Wir dürfen den Mut haben, ehrlich zu fragen und offen zu bleiben. Wir wünschen dir viel Freude auf dieser spannenden Reise durch eine der faszinierendsten Überlieferungen der alten Welt.

Was ist das Buch Jaschar?

Kaum ein anderes außerbiblisches Werk wirft bis heute so viele Fragen auf wie das Buch Jaschar. Der Grund dafür liegt in einer Besonderheit: Im Alten Testament wird tatsächlich ein Werk mit diesem Namen erwähnt.

In Josua 10,13 heißt es, dass der Stillstand von Sonne und Mond auch im Buch Jaschar aufgezeichnet sei. Ein zweites Mal begegnet uns dieser Name in 2. Samuel 1,18, wo Davids Klagelied über Saul und Jonathan mit diesem Buch in Verbindung gebracht wird. Mehr verrät uns die Bibel über dieses Buch allerdings nicht.

Die meisten Historiker gehen davon aus, dass das ursprüngliche Buch verloren gegangen ist. Im Laufe der Jahrhunderte erschienen jedoch verschiedene Werke, die denselben Namen tragen. Genau hier beginnt die bis heute anhaltende Verwechslung verschiedener Werke.

Das bekannteste davon ist das Sefer ha-Jaschar, ein hebräisches Werk, das die biblische Geschichte von Adam bis in die Zeit nach Josuas Tod ausführlich nacherzählt und viele zusätzliche Einzelheiten enthält, die in der Bibel nicht vorkommen. Ins Englische übersetzt hat es Moses Samuel aus Liverpool. Seine Übersetzung erschien 1840 in New York, ohne dass sein Name darin genannt wurde, und machte das Buch auch außerhalb des hebräischen Sprachraums bekannt. Samuel selbst war überzeugt, im Kern das in der Bibel erwähnte Buch vor sich zu haben; im rabbinischen Judentum wird das Werk jedoch nicht als dieses Buch anerkannt. Mit dieser Überlieferung beschäftigen wir uns in diesem Buch.

Vom Sefer ha-Jaschar ist auch eine handschriftliche Übersetzung ins Ladino überliefert. Sie wird heute am Haverford College aufbewahrt. Der älteste erhaltene Druck erschien 1625 in Venedig. Sein Vorwort nennt eine frühere Ausgabe aus Neapel aus dem Jahr 1552, von der sich jedoch kein Exemplar erhalten hat. Außerdem erzählt das Vorwort, ein römischer Offizier habe das Buch nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Sevilla gebracht; belegen lässt sich diese Geschichte nicht.1

Wann das Werk entstanden ist, lässt sich deshalb nicht sicher sagen. Die Vorschläge der Forschung reichen vom 9. bis zum 16. Jahrhundert. Leopold Zunz vermutete eine Entstehung im Spanien des 12. Jahrhunderts.2 Joseph Dan vertrat dagegen die Auffassung, das Werk sei im 16. Jahrhundert in Neapel entstanden.3 Das schließt nicht aus, dass der Verfasser deutlich ältere Überlieferungen aufgegriffen hat: Vieles, was das Buch erzählt, begegnet uns auch im Talmud und in älteren Midraschim.

Daneben existiert noch ein ganz anderes Werk mit dem englischen Titel The Book of Jasher, das 1751 von Jacob Ilive veröffentlicht wurde. Es gab vor, eine Übersetzung des mittelalterlichen Gelehrten Alkuin zu sein, gilt heute als Fälschung und hat mit dem Sefer ha-Jaschar nichts zu tun.

Es ist daher wichtig, diese beiden Bücher nicht miteinander zu verwechseln. Auch wenn das Sefer ha-Jaschar seit Jahrhunderten überliefert wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es identisch mit dem in der Bibel erwähnten Buch Jaschar ist. Darüber gibt es bis heute unterschiedliche Auffassungen.

Die Mehrheit der Historiker und Bibelwissenschaftler geht davon aus, dass das ursprüngliche Buch Jaschar verloren gegangen ist und das heute bekannte Sefer ha-Jaschar eine spätere jüdische Nacherzählung der biblischen Geschichte darstellt. Gleichzeitig enthält dieses Werk zahlreiche alte Überlieferungen, die uns teilweise auch in anderen jüdischen Schriften begegnen und interessante Einblicke in das Denken früher Generationen geben.

Es lohnt sich darum, dieses Buch aufmerksam zu lesen. Nicht als Ersatz für die Bibel, auch nicht als Beweis für bestimmte Theorien. Sondern als eine alte Überlieferung, die helfen kann, bekannte biblische Geschichten aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Mit diesem Buch möchten wir dich auf dieser Entdeckungsreise begleiten – verständlich, sorgfältig und mit Respekt vor den verschiedenen Quellen.

Ein Wort zu den Quellen

Alte Schriften erzählen Geschichten, die über viele Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurden. Manche gelten als heilige Texte, andere als historische Überlieferungen oder religiöse Literatur ihrer Zeit. Nicht alle besitzen denselben historischen oder religiösen Stellenwert. Gerade deshalb ist es uns wichtig, offen und transparent mit den verschiedenen Quellen umzugehen. In diesem Buch unterscheiden wir bewusst zwischen mehreren Ebenen.

Das Buch Jaschar

Im Mittelpunkt steht das heute überlieferte Sefer ha-Jaschar in der englischen Übersetzung von Moses Samuel aus dem Jahr 1840. Sie ist die Grundlage unserer Nacherzählung, die wir Kapitel für Kapitel in einer modernen und leicht verständlichen Sprache zusammenfassen. Unser Ziel ist es, den Inhalt dieses Werkes möglichst originalgetreu wiederzugeben, ohne ihn zu verändern oder eigene Geschichten hinzuzufügen.

Die Bibel

Zu jedem Kapitel vergleichen wir die entsprechenden Ereignisse mit den biblischen Berichten. Dabei zeigen wir auf, welche Inhalte übereinstimmen, welche zusätzlichen Informationen das Buch Jaschar enthält und an welchen Stellen sich beide Texte unterscheiden.

Für die Bibelvergleiche in diesem Buch verwenden wir die Elberfelder Bibel. Sie gehört zu den textnahesten deutschsprachigen Bibelübersetzungen und eignet sich daher besonders gut für den Vergleich.

Sollten sich in einzelnen Bibelübersetzungen bedeutende Unterschiede in der Wortwahl oder im Sinn ergeben, weisen wir ausdrücklich darauf hin und stellen – wenn es zum besseren Verständnis beiträgt – auch andere Übersetzungen gegenüber.

Unterschiede in der Formulierung bedeuten jedoch nicht zwangsläufig Unterschiede in der grundlegenden Aussage eines Bibeltextes. Unser Ziel ist es, den Leser auf solche Besonderheiten aufmerksam zu machen und sie verständlich einzuordnen.

Weitere alte Quellen

An einigen Stellen ergänzen wir historische Hintergründe oder Hinweise aus anderen alten Schriften: aus dem Talmud, aus Midraschim wie Bereschit Rabba oder Pirke de-Rabbi Elieser, aus mittelalterlichen Bibelauslegern wie Raschi, Maimonides und Nachmanides, aus dem Henochbuch, dem Jubiläenbuch, den Schriften des jüdischen Historikers Flavius Josephus und an einzelnen Stellen aus dem Koran. Viele dieser Schriften sind älter als die erste erhaltene Ausgabe des Sefer ha-Jaschar, und manche Erzählung des Buches begegnet uns dort bereits.

Diese Hinweise sollen den historischen und kulturellen Zusammenhang besser verständlich machen. Sie bedeuten jedoch nicht automatisch, dass die beschriebenen Ereignisse historisch gesichert sind.

Erkenntnisse der heutigen Forschung

Wenn es archäologische oder historische Erkenntnisse gibt, die beim Verständnis einer Geschichte helfen können, greifen wir auch diese auf. Dabei achten wir darauf, zwischen gesicherten Erkenntnissen, wissenschaftlichen Vermutungen und religiösen Überlieferungen klar zu unterscheiden.

Unser Anliegen

Dieses Buch versteht sich nicht als Ersatz für das Originalwerk. Es möchte vielmehr ein Begleiter sein – einer, der den Weg durch eine faszinierende alte Überlieferung erleichtert, Hintergründe erklärt und Zusammenhänge sichtbar macht. Nimm dir Zeit für die einzelnen Kapitel. Lies aufmerksam. Vergleiche die verschiedenen Quellen. Und vor allem: Bewahre dir die Freude am Entdecken.

Wie dieses Buch aufgebaut ist

In der englischen Ausgabe von 1840 umfasst das Buch Jaschar 91 Kapitel und erzählt die Geschichte von der Schöpfung der Welt bis in die Zeit nach Josuas Tod. Wir fassen diese 91 Kapitel in 25 Kapiteln zusammen, die sich in sechs Teile gliedern. Unter jeder Kapitelüberschrift steht, welche Kapitel des Buches Jaschar es umfasst. Viele dieser Erzählungen orientieren sich an den Berichten der Bibel, enthalten jedoch zahlreiche zusätzliche Details, die in den biblischen Texten nicht überliefert sind.

Damit das Lesen möglichst angenehm und verständlich wird, folgt auch dieses Buch einer klaren und einheitlichen Struktur. Jedes Kapitel ist so aufgebaut, dass du die Geschichte leicht nachvollziehen und gleichzeitig die wichtigsten Unterschiede und Hintergründe kennenlernen kannst.

Zur zeitlichen Orientierung findest du in Anhang A eine Zeitleiste der Ereignisse. Sie zeigt die wichtigsten Stationen der Erzählung von Adam bis Josua auf einen Blick.

Die Geschichte

Zu Beginn jedes Kapitels fassen wir den Inhalt des Buches Jaschar in einer modernen und leicht verständlichen Sprache zusammen. Dabei bleiben wir so nah wie möglich am ursprünglichen Text, verzichten jedoch bewusst auf altertümliche Formulierungen und schwer verständliche Ausdrucksweisen. Unser Ziel ist es, die Geschichte so wiederzugeben, dass sie sich angenehm lesen lässt, ohne ihren ursprünglichen Inhalt zu verändern.

Unterschiede zur Bibel

Anschließend vergleichen wir die Erzählung mit den entsprechenden Bibelstellen. Welche Ereignisse stimmen überein? Welche zusätzlichen Informationen enthält das Buch Jaschar? Und an welchen Stellen unterscheiden sich beide Überlieferungen? So entsteht ein klarer Überblick darüber, welche Inhalte bereits aus der Bibel bekannt sind und welche ausschließlich im Buch Jaschar überliefert werden.

Historischer Hintergrund

Viele Geschichten des Buches Jaschar begegnen uns auch in anderen alten Schriften oder historischen Überlieferungen. Wenn es dazu interessante Informationen gibt, stellen wir sie in diesem Abschnitt vor. Dabei greifen wir – wenn passend – auf Quellen wie das Henochbuch, das Jubiläenbuch, die Schriften des jüdischen Historikers Flavius Josephus oder andere frühe Überlieferungen zurück. Auch Erkenntnisse der heutigen Geschichtsforschung und Archäologie werden berücksichtigt, sofern sie zum besseren Verständnis beitragen.

Zum Nachdenken

Alte Schriften erzählen nicht nur Geschichten – sie werfen oft auch Fragen auf. Deshalb endet jedes Kapitel mit einigen Gedanken, die zum Nachdenken anregen möchten. Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Sichtweise vorzugeben. Vielmehr möchten wir dazu einladen, die Inhalte auf sich wirken zu lassen, Zusammenhänge zu erkennen und eigene Fragen zu entwickeln.

Frage an dich

Am Ende jedes Kapitels findest du außerdem unter der Überschrift „Frage an dich“ eine kleine Frage. Sie soll dazu anregen, das Gelesene mit dem eigenen Leben zu verbinden oder gemeinsam mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Denn manchmal entstehen die spannendsten Erkenntnisse nicht beim Lesen, sondern im Austausch miteinander.

Anmerkungen

Am Ende jedes Kapitels stehen einige kurze Anmerkungen. Wir setzen sie sparsam: bei Zahlen, bei Schlüsselstellen, bei Abweichungen zwischen verschiedenen Fassungen und immer dann, wenn wir uns auf eine andere Quelle als das Buch Jaschar berufen. Eine hochgestellte Zahl im Text verweist auf die passende Anmerkung.

Stellenangaben und Zitate

Stellen aus dem Buch Jaschar geben wir nach der Kapitel- und Verseinteilung der englischen Ausgabe von 1840 an: „Jaschar 34,1“ bedeutet Kapitel 34, Vers 1. An einzelnen Stellen haben wir zusätzlich den hebräischen Wikisource-Text herangezogen, vor allem, wo sich Zahlen oder Namen unterscheiden; solche Abweichungen nennen wir in den Anmerkungen.

Bibelstellen stehen in Klammern im Text. Sie folgen der Zählung deutscher Bibelübersetzungen, die an wenigen Stellen um einen Vers von englischen Ausgaben abweicht. Kurze Bibelzitate geben wir in Anlehnung an die Elberfelder Bibel wieder.

Was die Figuren des Buches sagen, geben wir sinngemäß wieder, nicht als wörtliche Übersetzung.

Namen

Personen- und Ortsnamen schreiben wir so, wie sie in deutschen Bibelübersetzungen geläufig sind – etwa Josef, Rahel oder Naftali. Abram und Sarai heißen so bis zu ihrer Umbenennung (Genesis 17,5.15), danach Abraham und Sara. Namen, die nur im Buch Jaschar vorkommen, geben wir in deutscher Lautung wieder. Weicht eine Namensform stark von der englischen Ausgabe oder dem verglichenen hebräischen Text ab, erklärt das eine Anmerkung.

Anmerkungen zur Einleitung

1. Ladino, auch Judenspanisch oder Djudeo-Espanyol genannt, ist eine romanische Sprache, die traditionell von sephardischen Juden gesprochen wird. Zur Handschrift: Haverford College, J. Rendel Harris Collection, RH 18 (Ms. Hebr. 18), Katalog S. 32–33. Zur Druckgeschichte: Vorwort der Ausgabe Venedig 1625; die Ausgabe Neapel 1552 ist nur durch dieses Vorwort bezeugt.

2. Zur Datierung durch Leopold Zunz: Jewish Encyclopedia (1906), Artikel „Yashar, Sefer ha-“. Die Auffassung wird hier nach diesem Artikel wiedergegeben; die Originalstelle bei Zunz wurde nicht unmittelbar geprüft.

3. Zur Datierung durch Joseph Dan: Katrin Kogman-Appel, „Illuminated Bibles and the Re-written Bible“, Ars Judaica 2 (2006), S. 8, Anm. 39. Die Auffassung wird hier nach Kogman-Appel wiedergegeben.

Kapitel 1

Die Schöpfung und der erste Mord

(Buch Jaschar Kapitel 1)

Das Buch Jaschar beginnt mit der Erschaffung des Menschen. Gott formt Adam aus Erde und haucht ihm den Atem des Lebens ein. Später erschafft er Eva, damit Adam nicht allein ist.

Beide leben im Garten Eden, wo Gott ihnen erlaubt, von allen Bäumen zu essen – außer vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Doch die Schlange überredet Eva, von der verbotenen Frucht zu essen. Sie gibt auch Adam davon. Beide missachten Gottes Gebot. Als Folge müssen Adam und Eva den Garten Eden verlassen. Von nun an leben und arbeiten sie außerhalb des Paradieses.

Nach ihrer Vertreibung bekommen Adam und Eva mehrere Kinder. Neben Kain und Abel erwähnt das Buch Jaschar auch drei Töchter. Kain arbeitet als Bauer, während Abel Hirte wird. Eines Tages bringen beide Gott ein Opfer dar.

Abel opfert die besten Tiere seiner Herde. Kain bringt Früchte seiner Felder, aber nur solche von geringer Qualität. Gott nimmt Abels Opfer an, Kains jedoch nicht.

Während die Bibel den weiteren Verlauf nur knapp beschreibt, erzählt das Buch Jaschar die Geschichte wesentlich ausführlicher.

Zwischen den Brüdern entwickelt sich ein Streit. Kain wirft Abel vor, dessen Schafe würden sein Land betreten. Abel antwortet, dass Kain gleichzeitig von seiner Herde profitiert – durch Fleisch und Wolle. Aus der Auseinandersetzung entsteht ein immer heftigerer Konflikt über Besitz, Gerechtigkeit und Verantwortung.

Schließlich sagt Kain sinngemäß: „Wenn ich dich töte – wer wird mich dafür zur Rechenschaft ziehen?“ Abel antwortet: „Gott selbst wird mein Blut von dir fordern.“ Diese Worte treiben Kain endgültig in blinde Wut.1 Nach dem Buch Jaschar nimmt Kain schließlich den eisernen Teil eines Pfluges und erschlägt damit seinen Bruder auf dem Feld. Danach bereut Kain seine Tat. Er gräbt ein Grab und begräbt Abel.

Doch Gott weiß, was geschehen ist. Als Gott Kain nach seinem Bruder fragt, leugnet dieser sein Wissen und weist jede Verantwortung für Abel von sich.

Darauf spricht Gott das Urteil über Kain aus. Der Acker soll ihm künftig keinen Ertrag mehr bringen, und Kain wird zum Wanderer auf der Erde.

Später gründet Kain eine Stadt und nennt sie nach seinem Sohn Henoch.

Unterschiede zur Bibel

Die grundlegende Handlung des ersten Kapitels entspricht weitgehend der Erzählung im Buch Genesis. Auch dort werden die Schöpfung, der Garten Eden, der Sündenfall und die Geschichte von Kain und Abel beschrieben (Genesis 1–4).

Das Buch Jaschar ergänzt die bekannten Berichte jedoch um zahlreiche Einzelheiten und zusätzliche Dialoge.

So erfahren wir beispielsweise, dass Adam und Eva neben Kain und Abel auch drei Töchter hatten. Während die Bibel lediglich erwähnt, dass Adam später noch Söhne und Töchter bekam (Genesis 5,4), nennt das Buch Jaschar diese bereits zu Beginn der Erzählung.

Auch der Konflikt zwischen Kain und Abel wird wesentlich ausführlicher geschildert. In der Bibel folgt auf das Opfer der Brüder lediglich Gottes Warnung an Kain (Genesis 4,6–7); danach ist unmittelbar vom Mord die Rede (Genesis 4,8). Das Buch Jaschar beschreibt dagegen einen längeren Streit über Besitz, Land und Gerechtigkeit. Die Auseinandersetzung entwickelt sich nach und nach und macht deutlich, dass der Mord nicht aus einem einzigen Augenblick der Wut entsteht.

Ein weiterer Unterschied ist die Beschreibung der Tat selbst. Während die Bibel lediglich berichtet, dass Kain seinen Bruder erschlug (Genesis 4,8), nennt das Buch Jaschar sogar die Tatwaffe: den eisernen Teil eines Pfluges.

Außerdem beschreibt Jaschar, dass Kain seinen Bruder nach der Tat begräbt und Reue zeigt – Einzelheiten, die in der biblischen Erzählung nicht erwähnt werden. Auch begründet Jaschar die Ablehnung von Kains Opfer damit, dass er nur minderwertige Früchte gebracht habe; die Bibel nennt dafür keinen ausdrücklichen Grund (Genesis 4,3–5). Die Gründung der Stadt Henoch kennt dagegen auch die Bibel (Genesis 4,17).

Diese zusätzlichen Informationen gehören zu den Besonderheiten des Buches Jaschar. Ob sie auf ältere Überlieferungen zurückgehen oder später hinzugefügt wurden, lässt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte von Kain und Abel gehört zu den bekanntesten Erzählungen der Bibel. Sie findet sich nicht nur im Buch Genesis, sondern wurde über Jahrhunderte hinweg auch in vielen jüdischen Auslegungen und Überlieferungen weitererzählt.

Gerade in der jüdischen Literatur wurden häufig Fragen gestellt, die der biblische Text offenlässt. Warum gerieten die Brüder in Streit? Worüber stritten sie eigentlich? Warum wurde Kain so zornig?

Diese Fragen stellten sich jüdische Gelehrte schon in der Spätantike. Das Buch Jaschar greift sie auf und erzählt die Geschichte ausführlicher. Ein Streit um Land und Besitz begegnet auch in der rabbinischen Auslegung, in den Midraschim – jüdischen Auslegungsschriften, die biblische Erzählungen ergänzen und vertiefen.2

Historisch lassen sich diese zusätzlichen Einzelheiten heute nicht überprüfen. Sie geben jedoch einen interessanten Einblick darin, wie jüdische Gelehrte vergangener Jahrhunderte über die frühen biblischen Geschichten nachgedacht und sie weitererzählt haben.

Sie zeigen, dass das Interesse nicht nur dem Ereignis selbst galt, sondern auch den Motiven, Entscheidungen und inneren Konflikten der handelnden Personen.

Zum Nachdenken

Das Buch Jaschar erinnert uns daran, dass große Konflikte selten plötzlich entstehen.

Bevor Kain seinen Bruder erschlägt, wachsen in ihm bereits Neid, Stolz, Ärger und verletzte Gefühle. Der Streit entwickelt sich über einen längeren Zeitraum und wird immer heftiger, bis schließlich jede Bereitschaft zur Versöhnung verloren geht. Dadurch wirkt der Mord nicht wie eine spontane Tat, sondern wie das Ende eines lange schwelenden Konflikts.

Ob sich die Ereignisse genau so zugetragen haben, können wir heute nicht mit Sicherheit sagen. Die Botschaft der Geschichte bleibt jedoch zeitlos.

Konflikte beginnen oft lange bevor sie sichtbar werden. Häufig sind es ungelöste Verletzungen, Missverständnisse oder Neid, die sich über längere Zeit aufbauen.

Frage an dich

Entstehen große Konflikte meist über einen längeren Zeitraum – oder können sie auch aus einem einzigen Moment heraus eskalieren?

Anmerkungen zu Kapitel 1

1. Jaschar 1,21–23. Die Worte von Kain und Abel sind hier sinngemäß wiedergegeben, nicht wörtlich.

2. Bereschit Rabba 22,7 (Streit der Brüder um Land und bewegliche Güter); ähnlich Midrasch Tanchuma, Bereschit 9 (Aufteilung von Herden und Ackerland).

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